Von:
Klaus-Dieter Jösten
Groß und traurig schauen die Augen eines kleinen Kindes auf dem Schoß einer jungen Adoptivmutter in die Kamera des Fotografen, schauen den Betrachter - schauen mich an. Ort des Geschehens: Eine „Babyklappe“, ein Tisch mit jungen Frauen und Kleinkindern anlässlich des Jubiläums dieser Einrichtung in einer Großstadt. Sicher ein Bild, das auch Freude bereitet, aber da sind diese traurigen Augen, die mich nicht loslassen. Augen, die vielleicht nach einem Vater und einer Mutter schauen, aber die nicht da sind. Welche Zukunftschancen hat dieses Kind und wie verstehen wir sie?
Wir, die wir Hilfe für junge Menschen beruflich organisieren - beispielsweise in der Diakonie, wissen, dass es mit dem Aufspringen allein nicht getan ist, so sehr uns die Schicksale berühren. Kinder brauchen Eltern, Familien, nahe Bezugspersonen, Geschwister, Freunde, Großeltern, Onkel, Tanten, Lehrer – Liebe, Geduld und Grenzen, Erklärungen, Fürsorge und Gebete, Verzeihen, Orientierung, Erziehung. Was ist, wenn etwas davon fehlt? Was ist, wenn unser Kind behindert ist? Was ist, wenn unser Kind schwer krank wird, wenn Vater oder/und Mutter gestorben sind oder gar nicht da sind? Haben unsere Kinder auch dann noch Zukunftschancen?
Mir scheint eine kleine Begebenheit in einem Supermarkt symptomatisch: Ein kleiner Junge im neusten modischen Outfit läuft mit einem missmutigen Gesicht durch die Regalgänge seinen jungen, ebenso modisch gestylten Eltern voraus. Er greift mit wählerischem Blick in Kisten mit Süßigkeiten und packt diese in den Einkaufswagen. Ist dieser Junge wirklich glücklicher als das Kind mit den traurigen Augen in der „Babyklappe“?
Ich glaube, dass unser verwöhnter Junge zwar viele Chancen und Möglichkeiten im Überfluss hat und bekommen wird. Ob er aber die Liebe zum Leben hat und den Enthusiasmus, den Respekt vor den anderen Menschen und die Dankbarkeit, was er zum Leben vor allem braucht, sei dahin gestellt. Und das brauchen wir doch zum Leben!
Zukunft für die Kinder besteht nicht allein in materiellen Chancen. Ohne eine gewisse materielle Sicherheit ist es mühsam, voranzukommen und wohl auch nicht selten aussichtslos. Der Wert unserer Kinder aber ist zuallererst ein Wert in sich, dass sie da sind, dass sie einzigartig sind, dass wir sie lieben, dass sie uns lieben.
Wir wissen, dass auch unser Sonnensystem endlich ist. Nun, das mag noch ein paar Milliarden Jahre dauern, aber zu guter letzt wird es vergehen. Und bis dahin entsteht soviel Neues, das wir gar nicht alles fassen können – ein ewiges Geheimnis, und das hat mich beruhigt. Unsere Kinder haben Zukunftschancen, wenn wir ihnen unsere Erfahrungen behutsam und mit Geduld anvertrauen, sie diese vielleicht Zug um Zug weiter vertiefen und den Mitmenschen und Geschöpfen mit Liebe und Geduld begegnen.